Projektteile

Mit Schere und Schnellpresse – Andersens Produktionsästhetik

Bearbeitet von Klaus Müller-Wille

In vielen Darstellungen wird Andersen als Märchenonkel inszeniert, der seinem kindlichen Publikum mündlich Märchen vorträgt. Auch wenn kein Zweifel daran bestehen kann, dass Andersen die Kunst der literarischen Performanz beherrschte, soll er in diesem Projekt bewusst als ein Buchkünstler in Szene gesetzt werden. Die entsprechende Aufmerksamkeit für Andersens Reflexionen über die Materialität der Kommunikation und das Buch als Ding und Ware sollen dabei auch helfen, das hohe theoretische Potential seiner Schriften zu würdigen. Schliesslich soll Andersens Auseinandersetzung mit dem Medium Buch genutzt werden, um generelle kulturwissenschaftliche Fragestellungen zur Genese der Ding- und Populärkultur im 19. Jahrhundert zu entfalten.

Andersens ausgefeilte und überraschend moderne Poetologie soll dabei im Anschluss an Positionen aus der jüngeren – vor allem literatur- und medientheoretisch profilierten – Buchgeschichte rekonstruiert werden. Im Zentrum des Projektes stehen Andersens unterschiedliche „Buchmärchen“, wobei unter anderem so prominente Texte wie Sneedronningen (Die Schneekönigin) und De vilde Svaner (Die wilden Schwäne) aus einem neuen Blickwinkel analysiert werden sollen. Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes widmet sich den Romanen und Reisebeschreibungen des Autors, in denen sich dieser indirekt oder direkt mit der Medienrevolution des mittleren 19. Jahrhunderts beschäftigt. Schliesslich soll das Projekt mit einem Ausblick auf Andersens alternative Buchproduktion abgeschlossen werden, die in der Erstellung von wilden Collagen und Bilderbüchern zum Ausdruck kommt.

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Alice intermedial. Poetik des Nonsense als Poetik der Materialität

Bearbeitet von Christine Lötscher unter Mitarbeit von Ingrid Tomkowiak

Alle kennen Alice. Die Figur, den Stoff – wenn auch nicht unbedingt die beiden Bücher, die Charles Lutwidge Dodgson 1865 und 1871 unter dem Pseudonym Lewis Carroll veröffentlichte. Die anspielungsreichen, albtraumhaften Texte Alice in Wonderland und Through the Looking Glass and What Alice Found There mit den nachhaltig wirksamen Illustrationen von John Tenniel sind heutigen Kindern nicht ohne Weiteres zugänglich, gehören aber zu den meistadaptierten Klassikern der Kinderliteratur. Der Stoff hat sich verselbständigt und in zahllosen Neuillustrationen, Bühnenfassungen, Musicals, Filmen und Computerspielen eine globale Karriere angetreten. So unterschiedlich die Lesarten auch sein mögen und so stark mitunter die Tendenz ist, den bizarren Episoden im Wunderland ein populäres Narrativ einer Heldenreise einzuschreiben und sie doch noch zu einer Entwicklungsgeschichte zu machen, so konsequent lässt sich beobachten, dass die Nonsense-Struktur der Textvorlage in allen Adaptionen erhalten bleibt und mithin sämtlichen Versuchen widersteht, von sinnstiftenden Erzählmustern vereinnahmt und verdrängt zu werden. Das hat – so die zentrale These – mit der Art zu tun, wie der Erzähler in Text und Bild mit der Materialität von Sprache, Schrift, Bild und Buchmedium operiert: Es ist die selbstreferentielle Betonung der Materialität des Signifikanten in Opposition zu seiner semantischen Interpretierbarkeit, welche die Nonsense-Poesie Carrolls kennzeichnet. mehr

„Vill du läsa?“ – Von Lese-Stoff, Buchstabenreisen und Wissensvermittlung bei Elsa Beskow

Bearbeitet von Petra Bäni

Elsa Beskow (1874-1953) ist die bekannteste schwedische Bilderbuchkünstlerin um 1900. Ihr Werk umfasst über 30 Titel, die von Lese-, zu Bilder- bis Märchenbüchern reichen. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und noch immer erscheinen Neuauflagen. Einige Bücher sind inzwischen zu Kinderbuchklassikern avanciert.

Wurde ihr Werk bisher wissenschaftlich v.a. durch ihre Biografie zugänglich gemacht, liegt die Vermutung nahe, dass das Interesse an diesen „alten“ Bilderbüchern in der materiellen Ästhetik der Bücher zu finden ist. Denn Elsa Beskow steht für einen Paradigmenwechsel, der sich bezüglich der formgebenden Gestaltung (Furuland/ Ørvig 1990-94) der Bilderbücher um 1900 vollzieht. An den Büchern selbst lassen sich sowohl die Ideen der Reformpädagogik als auch die grossen Veränderungen, welche innerhalb des Buchdrucks und der Verlagsgeschichte stattfanden, nachvollziehen.

In diesem Teilprojekt werden hauptsächlich die Lesebücher, welche bis in die 1970-er Jahre in der schwedischen Volksschule angewendet wurden, genauer unter die Lupe genommen. Denn diese, so die Hypothese, bergen Reflexionen zum Thema Lesen und Schreiben als zentrale Kulturtechniken und somit zum Medium Buch um 1900, welche sich an der Materialität der Bücher ablesen lassen. Im Fokus der Analyse stehen die materiellen Aspekte wie Format, Papier, Grösse, Typografie und Layout.
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„Äntligen! Böcker! Nu klarar vi oss!“ – Tove Jansson als Buchkünstlerin

Bearbeitet von Kathrin Hubli

Die finnlandschwedische Malerin und Autorin Tove Jansson (1914-2001) erlangte hauptsächlich durch ihre Muminbücher weit über die Landesgrenzen hinaus Berühmtheit und gehört neben Astrid Lindgren und Lennart Hellsing zum Trio der wichtigsten Reformer der schwedischsprachigen Kinderliteratur.

Die erwähnten Muminbücher zeichnen sich durch eine aussergewöhnliche Gestaltung aus. Umso mehr erstaunt es, dass eine Untersuchung der Materialitätsaspekte im Schaffen Janssons bis dato aussteht (eine Ausnahme dabei bilden Arbeiten zu Relationen zwischen Text und Bild). Eine Lücke, die nun geschlossen werden soll. Dabei wird ein Materialitätsbegriff verwendet, der Eigenschaften wie Grösse und Format, Papierwahl, Umschlaggestaltung, Farbkomposition, Typografie, Layout sowie die Paratexte nach Genette umfasst.

Ausgangspunkt der Analyse bilden die spezifischen Strategien und Konzepte zur Textproduktion, denn bereits ihr modus operandi, so die Leitthese, ist Ausdruck einer ständigen Reflexion über eine bestimmte Verfasseridentität, über Kunst und Literatur im Spannungsfeld der unterschiedlichen Disziplinen, in denen sie sich bewegt. Die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit diesen Themen findet Ausdruck in immer neuen Gestaltungsformen der verschiedenen edierten Versionen der Muminbücher. Diese werden ebenfalls anhand einzelner Gestaltungselemente untersucht. mehr